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Offene Beziehung oder Untreue? Warum Einvernehmen den Unterschied macht

Mehrere Partner bedeuten nicht automatisch Betrug. Eine neue Studie lenkt den Blick auf das, was Beziehungsmodelle tatsächlich unterscheidet: Wissen, Zustimmung und gemeinsam eingehaltene Regeln.

10. Oktober 2026 · von Alex Buchanan · etwa 8 Minuten Lesezeit

Ist eine offene Beziehung nur „erlaubtes Fremdgehen“? Diese Vorstellung greift zu kurz. Untreue entsteht nicht durch eine bestimmte Zahl von Partnern, sondern durch den Bruch dessen, worauf sich zwei Menschen verlassen. Eine aktuelle Untersuchung zur sexuellen Gesundheit in monogamen, einvernehmlich nicht-monogamen und heimlich nicht-monogamen Beziehungen macht diesen Unterschied besonders deutlich.

Zwei Menschen halten sich im Gespräch unterstützend an den Händen
Gemeinsame Regeln funktionieren nur, wenn beide sie freiwillig kennen und ihnen zustimmen. Foto: Imam Fadly / Unsplash.

Drei Begriffe, die nicht dasselbe meinen

Monogamie bezeichnet eine Beziehung, in der beide Partner sexuelle und meist auch romantische Exklusivität vereinbaren. Bei einvernehmlicher Nicht-Monogamie können Kontakte zu weiteren Menschen erlaubt sein. Dazu gehören unterschiedliche Modelle wie offene Beziehungen oder Polyamorie. Welche Kontakte möglich sind, legen die Beteiligten selbst fest.

Untreue ist etwas anderes. Sie liegt vor, wenn relevante Erwartungen oder Vereinbarungen heimlich verletzt werden. Auch in einer offenen Beziehung kann jemand untreu sein – etwa wenn vereinbarte Grenzen missachtet, Kontakte verschwiegen oder Schutzabsprachen gebrochen werden. Umgekehrt ist ein offen besprochener Kontakt außerhalb der Partnerschaft nicht automatisch Betrug.

Die Grenze verläuft daher nicht schlicht zwischen „einem“ und „mehreren“ Partnern. Sie verläuft zwischen Zustimmung und Täuschung. Genau deshalb lohnt es sich, weniger über Etiketten und mehr über konkrete Absprachen zu sprechen.

Was die neue Studie untersucht hat

Ein internationales Forschungsteam verglich sexuelle Gesundheit und sexuelles Wohlbefinden in unterschiedlichen Beziehungsformen. Die Arbeit umfasst zwei Studien: eine internationale Online-Stichprobe mit 888 Personen sowie bevölkerungsbasierte Daten aus Finnland mit insgesamt 10.503 Teilnehmenden. Untersucht wurden unter anderem sexuelles Verlangen, Zufriedenheit, Funktionsprobleme, Tests auf sexuell übertragbare Infektionen und die Frage, ob weitere Kontakte offengelegt oder geheim gehalten wurden.

Das zentrale Ergebnis ist differenzierter als viele Schlagzeilen: Die sexuelle Funktionsfähigkeit war bei monogamen und nicht-monogamen Menschen überwiegend ähnlich. Personen in polyamoren Beziehungen berichteten häufiger, bereits einen STI-Test gemacht zu haben, hatten aber nicht häufiger eine diagnostizierte Infektion. Bei Männern, die emotionale oder sexuelle Kontakte geheim hielten, zeigte sich in der ersten Studie eine geringere sexuelle Zufriedenheit. Darüber hinaus war Untreue nicht durchgehend mit schlechteren Werten der sexuellen Gesundheit verbunden.

Das ist kein Freibrief für heimliche Affären. Die Untersuchung erfasst sexuelle Gesundheit, nicht die gesamte seelische Belastung des betrogenen Partners oder die Qualität einer Beziehung. Sie zeigt vor allem, dass Beziehungsform und Gesundheitsfolgen nicht mit einfachen Vorurteilen erklärt werden können.

Was aus den Daten nicht folgt

Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass offene Beziehungen grundsätzlich glücklicher, sicherer oder unkomplizierter seien. Menschen wählen ihre Beziehungsform nicht zufällig. Sie unterscheiden sich möglicherweise schon vorher in Einstellungen, Kommunikation, sexueller Offenheit und Lebenssituation. Zudem beruhen viele Angaben auf Selbstauskünften. Solche Studien können Zusammenhänge zeigen, aber keine Erfolgsgarantie für ein konkretes Paar geben.

Ebenso wenig beweist die Studie, dass Heimlichkeit harmlos sei, solange keine körperliche Erkrankung entsteht. Ein Vertrauensbruch kann Sicherheit, Selbstbild und Bindung tief erschüttern. Die American Psychological Association beschreibt Untreue entsprechend über gebrochene Erwartungen und erlebten Verrat – nicht nur über einen bestimmten körperlichen Akt.

Warum Einvernehmen mehr als ein einmaliges Ja ist

Einvernehmen bedeutet, dass alle Beteiligten wissen, worum es geht, freiwillig zustimmen und ihre Entscheidung ändern dürfen. Ein Satz wie „Wir sind jetzt offen“ ersetzt keine verständliche Vereinbarung. Paare müssen klären, welche Kontakte gemeint sind, welche Informationen geteilt werden und welche Schutzregeln gelten.

Grenzen konkret benennen

Darf es nur sexuelle oder auch romantische Kontakte geben? Sind Bekannte, Kolleginnen oder gemeinsame Freunde ausgeschlossen? Müssen Treffen vorher angekündigt werden? Was soll danach erzählt werden? Unklare Formulierungen schaffen vermeidbare Konflikte, weil beide glauben können, etwas Unterschiedliches vereinbart zu haben.

Gesundheit gemeinsam schützen

Bei neuen oder mehreren Sexualpartnern sollten Schutz, Tests und die Weitergabe relevanter Informationen ausdrücklich besprochen werden. Die US-Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass viele sexuell übertragbare Infektionen keine Symptome verursachen und die passende Teststrategie von Sexualpraktiken, neuen oder mehreren Partnern und weiteren individuellen Faktoren abhängt. Eine ärztliche Beratung kann klären, welche Tests sinnvoll sind.

Zustimmung bleibt widerrufbar

Wer sich unwohl fühlt, muss eine Vereinbarung neu verhandeln dürfen. Zustimmung aus Angst, den Partner sonst zu verlieren, ist keine stabile Grundlage. Auch Druck, wiederholtes Überreden oder nachträgliches Verschieben von Grenzen beschädigt Vertrauen.

Woran sich Untreue auch in offenen Beziehungen erkennen lässt

Warnzeichen sind nicht andere Partner an sich, sondern Täuschung und Regelbruch: heimliche Treffen trotz Offenlegungspflicht, falsche Angaben zu Schutzmaßnahmen, gelöschte Nachrichten, eine nicht vereinbarte emotionale Bindung oder das bewusste Zurückhalten von Informationen, die der andere für seine eigene Entscheidung braucht.

Ob etwas als Verrat erlebt wird, hängt von der tatsächlichen Vereinbarung ab. Deshalb hilft es wenig, sich mit allgemeinen Sätzen wie „In offenen Beziehungen ist das eben so“ herauszureden. Entscheidend ist, was beide konkret vereinbart haben – und ob sich beide darauf verlassen konnten.

Wenn ein Regelbruch passiert ist

Der erste Schritt ist eine klare Bestandsaufnahme: Welche Vereinbarung wurde gebrochen? Welche Informationen fehlen noch? Gibt es gesundheitliche Risiken, die zeitnah geklärt werden müssen? Die Person, die eine Grenze überschritten hat, sollte Verantwortung übernehmen, ohne den verletzten Partner für die eigene Entscheidung verantwortlich zu machen.

Danach braucht es eine Entscheidung, ob und unter welchen Bedingungen die Beziehung fortgeführt werden kann. Manche Paare schließen die Beziehung zunächst wieder, andere formulieren engere Regeln oder beenden das Modell. Wieder andere trennen sich. Keine dieser Entscheidungen ist automatisch reifer als die andere.

Bei anhaltender Überforderung kann qualifizierte Paar- oder Sexualberatung unterstützen. Bei möglicher STI-Exposition ist medizinische Beratung wichtig. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Diagnose, Therapie oder medizinische Beratung.

Fazit: Offenheit ist eine Vereinbarung, kein Etikett

Die neue Forschung widerspricht der einfachen Vorstellung, jede nicht-monogame Beziehung sei automatisch riskant oder jede heimliche Affäre lasse sich allein an gesundheitlichen Folgen erkennen. Sexuelles Wohlbefinden kann in verschiedenen Beziehungsformen ähnlich sein. Der entscheidende Unterschied bleibt jedoch: Können alle Beteiligten informiert und freiwillig zustimmen?

Eine offene Beziehung schützt nicht vor Untreue, wenn ihre Regeln heimlich gebrochen werden. Monogamie schützt ebenfalls nicht durch das Etikett allein. Verlässlichkeit entsteht dort, wo Erwartungen ausgesprochen, Grenzen respektiert und relevante Informationen nicht verborgen werden.

Quellen und weiterführende Informationen

Titelbild: Imam Fadly auf Unsplash. Alt-Text: Zwei Menschen halten sich im Gespräch unterstützend an den Händen.