Wer betrogen wurde, sucht häufig nach einer Erklärung: War der Partner schon immer bindungsunfähig? Hätte man die Gefahr früher erkennen können? Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie untersucht genau jene Faktoren, die in solchen Fragen mitschwingen: unsichere Bindungsstile, Authentizität, emotionale Intimität und die eigene Neigung zur Untreue. Die Ergebnisse liefern nützliche Hinweise – sie eignen sich jedoch weder für Ferndiagnosen noch für sichere Vorhersagen.
Was die neue Studie untersucht hat
Für die Studie befragte ein Forschungsteam 307 Erwachsene aus Rumänien, die zum Erhebungszeitpunkt in einer festen Beziehung lebten. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 60 Jahre alt. Mit standardisierten Fragebögen erfassten die Forschenden ängstliche und vermeidende Bindungsmuster, das Erleben von Authentizität, emotionale Intimität sowie die selbst berichtete Bereitschaft oder Neigung zu untreuem Verhalten.
Unsichere Bindungsmuster gingen in dieser Stichprobe statistisch mit einer höheren Untreue-Neigung einher. Gleichzeitig berichteten Menschen mit stärkerer Bindungsunsicherheit im Durchschnitt weniger Authentizität und weniger emotionale Intimität. Auch wenn Alter, Geschlecht und Bindungsstil berücksichtigt wurden, waren geringere Authentizität und geringere emotionale Intimität weiterhin mit einer höheren Untreue-Neigung verbunden.
Die Autorinnen und Autoren deuten dies als Hinweis auf ein komplexes Zusammenspiel: Nicht allein ein Bindungsstil, sondern auch die Fähigkeit, sich in einer Beziehung ehrlich, stimmig und emotional verbunden zu erleben, könnte eine Rolle spielen.
Was „unsichere Bindung“ überhaupt bedeutet
Bindungsstile beschreiben typische Erwartungen und Reaktionen in engen Beziehungen. Bei ängstlicher Bindung können Verlustangst, starkes Grübeln und ein hohes Bedürfnis nach Bestätigung im Vordergrund stehen. Vermeidende Bindungsmuster zeigen sich eher durch emotionale Distanz, Unbehagen bei großer Nähe oder den Wunsch, Abhängigkeit möglichst gering zu halten.
Solche Muster sind keine unveränderliche Persönlichkeitsschablone. Menschen können sich je nach Beziehung, Lebensphase und Erfahrung unterschiedlich verhalten. Auch ist ein unsicherer Bindungsstil keine psychische Diagnose. Er sagt nicht automatisch voraus, ob jemand lügt, Grenzen verletzt oder fremdgeht.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 fasste 17 Studien mit insgesamt 13.666 Teilnehmenden zusammen. Im Mittel bestanden kleine Zusammenhänge zwischen Bindungsangst beziehungsweise Bindungsvermeidung und ehelicher Untreue. Gerade die geringe bis moderate Stärke dieser Zusammenhänge zeigt: Bindungsunsicherheit ist allenfalls ein Faktor unter vielen, kein Urteil über eine konkrete Person.
Authentizität: ehrlich sein, ohne alles ungefiltert auszuleben
Authentizität bedeutet in diesem Forschungszusammenhang, die eigenen Gefühle, Werte und Bedürfnisse wahrzunehmen und sich nicht dauerhaft hinter einer Rolle zu verstecken. In einer Partnerschaft kann das heißen, Unzufriedenheit, Einsamkeit oder widersprüchliche Wünsche früh anzusprechen, statt heimlich ein zweites Leben aufzubauen.
Authentisch zu sein bedeutet allerdings nicht, jeden Impuls ausleben zu müssen. Im Gegenteil: Ehrlichkeit schließt Verantwortung ein. Wer Anziehung zu einer anderen Person bemerkt, kann sich fragen, welche Grenze vereinbart wurde, welche Konsequenzen ein heimlicher Kontakt hätte und welches Gespräch in der eigenen Beziehung nötig ist.
Für Betroffene ist der Begriff ebenfalls hilfreich: Man muss die eigenen Wahrnehmungen nicht kleinreden, nur damit eine Beziehung nach außen harmonisch wirkt. Wer wiederholt Widersprüche, Lügen oder heimliche Kontakte erlebt, darf diese konkreten Beobachtungen benennen – ohne dafür eine psychologische Diagnose des Partners zu benötigen.
Emotionale Intimität ist mehr als romantische Nähe
Emotionale Intimität entsteht, wenn beide Partner Gedanken, Verletzlichkeit und Bedürfnisse mitteilen können und sich dabei grundsätzlich ernst genommen fühlen. Sie zeigt sich nicht nur in großen Liebeserklärungen, sondern in alltäglichen Reaktionen: Hört der andere zu? Kann ein Konflikt angesprochen werden, ohne dass sofort Abwertung oder Rückzug folgt? Werden Entschuldigungen durch verändertes Verhalten glaubwürdig?
Die neue Studie legt nahe, dass geringe emotionale Intimität einen Teil des statistischen Zusammenhangs zwischen unsicherer Bindung und Untreue-Neigung erklären könnte. Sie beweist aber nicht, dass emotionale Distanz Untreue verursacht. Ebenso wenig trägt die betrogene Person die Verantwortung dafür, wenn der andere heimlich vereinbarte Grenzen überschreitet.
Beziehungsprobleme können einen Kontext bilden. Die Entscheidung zu täuschen bleibt dennoch die Entscheidung der handelnden Person. Diese Unterscheidung schützt davor, Ursachenforschung mit Schuldverschiebung zu verwechseln.
Was Paare praktisch daraus ableiten können
Absprachen konkret machen
„Treue“ kann für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten. Hilfreicher als vage Erwartungen sind konkrete Fragen: Sind Dating-Apps tabu? Welche Nachrichten an Ex-Partner sind in Ordnung? Wo beginnt emotionale Untreue? Was gilt bei Flirts, Küssen oder sexuellen Kontakten? Klare Absprachen verhindern nicht jede Grenzverletzung, sie reduzieren aber Ausreden und Missverständnisse.
Rückzug und Verlustangst benennen
Wer bei Konflikten sofort dichtmacht oder stark klammert, kann zunächst das Muster beschreiben: „Ich merke, dass ich mich zurückziehe, sobald es emotional wird“ oder „Wenn du lange nicht antwortest, gerate ich schnell in Angst.“ Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern eine Einladung, die Dynamik gemeinsam zu betrachten.
Auf Konsistenz statt Etiketten achten
Ein Bindungsstil beweist keine Untreue. Aussagekräftiger ist, ob Worte und Verhalten zusammenpassen. Werden Vereinbarungen eingehalten? Gibt es Bereitschaft, nachvollziehbar zu antworten? Werden Fehler übernommen oder immer anderen angelastet? Unsere Übersicht zu vermeintlichen Anzeichen für Fremdgehen erklärt, warum einzelne Signale nie als Beweis genügen.
Unterstützung nicht als letzten Notausgang betrachten
Eine 2026 veröffentlichte dyadische Untersuchung mit 35 Paaren nach Untreue fand nach einer Gottman-orientierten Paartherapie Verbesserungen bei beiden Partnern. Die Studie ist klein und ohne Kontrollgruppe; sie kann daher keine allgemeine Erfolgsgarantie geben. Sie zeigt aber, dass Vertrauen, Konfliktverhalten und Beziehungszufriedenheit sinnvoll gemeinsam betrachtet werden können.
Was die Forschung ausdrücklich nicht sagt
- Unsichere Bindung bedeutet nicht, dass jemand untreu wird.
- Emotionale Distanz entschuldigt keine Täuschung und keine Grenzverletzung.
- Aus einem Fragebogen lässt sich kein individuelles Verhalten sicher vorhersagen.
- Die rumänische Stichprobe lässt sich nicht unverändert auf alle Kulturen und Beziehungsformen übertragen.
- Eine Korrelation zeigt nicht, welcher Faktor zuerst da war oder einen anderen verursacht hat.
Auch Selbstauskünfte haben Grenzen: Menschen erinnern, bewerten und präsentieren sich unterschiedlich. Zudem untersuchte die neue Studie eine Neigung zur Untreue, nicht ausschließlich nachgewiesene, verheimlichte Affären. Diese Unterschiede sind für die Einordnung entscheidend.
Wenn das Vertrauen bereits gebrochen wurde
Nach einer tatsächlichen Untreue ist es verständlich, nach Mustern zu suchen. Für die nächste Entscheidung sind jedoch konkrete Fragen meist hilfreicher: Ist der Kontakt zur dritten Person beendet? Werden Tatsachen offen gelegt, ohne neue Häppchen-Wahrheiten? Übernimmt der untreue Partner Verantwortung? Sind neue Absprachen freiwillig und realistisch?
Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Manche Paare bauen es schrittweise wieder auf, andere trennen sich. Beides kann eine verantwortliche Entscheidung sein. Unser Beitrag über Verzeihen nach Untreue zeigt, warum Verzeihen weder sofort erfolgen muss noch eine moralische Pflicht ist.
Bei anhaltender Angst, Schlafproblemen, starker Verzweiflung oder Kontrollverlust kann professionelle psychologische oder ärztliche Unterstützung sinnvoll sein. Dieser Artikel bietet allgemeine Information, aber keine individuelle Diagnose oder Therapieempfehlung.
Fazit: Bindungsmuster erklären etwas, aber nicht alles
Die aktuelle Forschung erweitert das Bild: Bindungsunsicherheit, Authentizität und emotionale Intimität hängen offenbar miteinander und mit Untreue-Neigung zusammen. Das passt zu früheren Studien, nach denen unsichere Bindungsmuster im Durchschnitt mit einem etwas höheren Untreuerisiko verbunden sind.
Für die einzelne Beziehung bleibt entscheidend, wie Menschen mit ihren Mustern umgehen. Bindungsangst oder Rückzug sind keine Entschuldigung für Lügen. Sie können aber Ansatzpunkte für ehrlichere Gespräche und gezielte Veränderung sein. Wer Klarheit sucht, sollte deshalb weniger auf Etiketten und stärker auf Absprachen, Verantwortung und konsistentes Verhalten achten.
Quellen und weiterführende Forschung
- Personality and Individual Differences (2026): Insecure, detached, and unfaithful – aktuelle Primärstudie zu Bindungsstil, Authentizität, emotionaler Intimität und Untreue-Neigung.
- Heliyon (2024): The interplay of attachment styles and marital infidelity – systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse.
- Psychotherapy Research (2026): Couples satisfaction and symptom change after couples therapy for infidelity – dyadische Prä-Post-Untersuchung.
- APA Monitor, Juli/August 2026 – fachliche Einordnung zu Untreue und Paartherapie.
Titelbild: Sincerely Media auf Unsplash. Alt-Text: Zwei Menschen halten sich mit beiden Händen und vermitteln Nähe und gegenseitigen Halt.