„Er ist ein Narzisst, deshalb geht er fremd“ – solche Sätze tauchen in sozialen Netzwerken und Ratgeberforen schnell auf. Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie liefert neue Daten zu narzisstischen Merkmalen, erinnerten Erziehungserfahrungen und untreuebezogenem Verhalten. Ihre Ergebnisse sind interessant. Sie sind aber deutlich komplizierter als die griffige Behauptung, ein bestimmter Persönlichkeitstyp sei automatisch untreu.
Was die neue Untersuchung erforscht hat
Das Forschungsteam befragte 399 Studierende der Nationalen Autonomen Universität von Honduras. Erfasst wurden unter anderem erinnerte elterliche Wärme, Ablehnung und Überbehütung, grandios-narzisstische Merkmale sowie verschiedene Wünsche und Verhaltensweisen rund um emotionale und sexuelle Untreue.
In der Stichprobe berichteten Männer im Durchschnitt häufiger untreuebezogene Wünsche und Verhaltensweisen als Frauen. Bei den männlichen Teilnehmern hing erinnerte elterliche Ablehnung statistisch mit höheren Untreuewerten zusammen. Außerdem fanden die Forschenden einen indirekten Zusammenhang zwischen erinnerter emotionaler Wärme, narzisstischen Merkmalen und den gemessenen Untreuewerten. Bei Frauen ergaben sich für die untersuchten Erziehungs- und Persönlichkeitsvariablen keine vergleichbaren Vorhersagemuster.
Wichtig ist die Formulierung „hing zusammen“. Die Daten wurden zu einem Zeitpunkt erhoben. Sie können daher nicht zeigen, dass bestimmte Erziehungserfahrungen Narzissmus verursachen oder dass narzisstische Merkmale später zwangsläufig zum Fremdgehen führen.
Warum „narzisstische Merkmale“ keine Diagnose sind
Im Alltag wird „Narzisst“ oft als Etikett für egoistisches, verletzendes oder widersprüchliches Verhalten verwendet. Fachlich muss jedoch zwischen einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung unterschieden werden. Das NCBI-Fachkapitel zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung beschreibt eine Diagnose als überdauerndes Muster, das in unterschiedlichen Lebensbereichen auftritt und mit deutlichen Beeinträchtigungen verbunden ist. Eine seriöse Diagnose setzt eine fachliche Untersuchung voraus.
Die neue Studie hat keine klinischen Diagnosen gestellt. Gemessen wurde nur eine Skala zu grandios-narzisstischen Merkmalen. Verletzlich-narzisstische Ausprägungen – etwa starke Kränkbarkeit und unsichere Selbstwertregulation – wurden nicht erfasst. Die Autoren nennen das ausdrücklich als Einschränkung.
Auch frühere Forschung zeigt, warum Differenzierung nötig ist. Eine dyadische Studie mit 135 Paaren fand unterschiedliche Zusammenhänge für grandiose und verletzliche narzisstische Merkmale sowie für die Einstellungen beider Partner. Eine ältere Längsschnittuntersuchung zu frisch verheirateten Paaren wiederum kam zu dem Ergebnis, dass speziell sexueller Narzissmus aussagekräftiger war als ein allgemeiner Narzissmuswert. Persönlichkeit ist also kein einzelner Schalter, der auf „treu“ oder „untreu“ steht.
Was Betroffene aus der Forschung ableiten können
Auf beobachtbares Verhalten schauen
Wer in einer Beziehung verletzt oder belogen wird, braucht keine Ferndiagnose, um Grenzen zu setzen. Entscheidend ist, was tatsächlich geschieht: Werden Absprachen gebrochen? Werden Fragen systematisch verdreht? Gibt es wiederholte Lügen, heimliche Kontakte oder Druck, die eigene Wahrnehmung nicht ernst zu nehmen? Konkretes Verhalten lässt sich benennen und besprechen; ein psychologisches Etikett führt dagegen häufig in endlose Diskussionen.
Attraktivität und Fantasien nicht automatisch mit Betrug gleichsetzen
Die verwendete Untreueskala fasste sehr verschiedene Dinge zusammen – von Anziehung und Fantasien bis zu sexuellen Kontakten und bewusster Täuschung. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass nicht jede bejahte Handlung zwingend eine vereinbarte Beziehungsgrenze verletzt hat. Für Paare ist deshalb entscheidend, eigene Regeln auszusprechen: Was gilt als Flirt? Was bedeutet emotionale Exklusivität? Welche digitalen Kontakte sind in Ordnung?
Statistik nicht als persönlichen Beweis verwenden
Selbst ein stabiler statistischer Zusammenhang sagt nicht, wie sich eine konkrete Person verhalten wird. Er kann weder Untreue beweisen noch jemanden entlasten. Bei einem Verdacht helfen überprüfbare Tatsachen, ein ruhiges Gespräch und die Frage, ob die Antworten konsistent und respektvoll sind. Unsere Übersicht über vermeintliche Anzeichen für Fremdgehen zeigt ebenfalls, warum einzelne Signale nicht überbewertet werden sollten.
Was die Studie nicht belegt
- Sie belegt nicht, dass warme oder ablehnende Eltern Untreue verursachen.
- Sie belegt nicht, dass Männer generell untreu und Frauen generell treu sind.
- Sie erlaubt keine Übertragung der Prozentwerte auf alle Altersgruppen oder Länder.
- Sie zeigt nicht, dass jeder Mensch mit narzisstischen Merkmalen fremdgeht.
- Sie ersetzt keine individuelle psychologische oder paartherapeutische Einschätzung.
Die Stichprobe bestand überwiegend aus jungen Studierenden und zu 65 Prozent aus Singles. Die Angaben beruhten auf Selbstauskunft und Erinnerung. Zudem erklärte das Modell nur einen begrenzten Anteil der Unterschiede. Das macht die Studie nicht wertlos – aber es begrenzt die Reichweite ihrer Aussagen deutlich.
Wenn Vertrauen bereits beschädigt ist
Nach einem tatsächlichen Vertrauensbruch verschiebt sich die wichtigste Frage: nicht „Welche Diagnose hat mein Partner?“, sondern „Welche Bedingungen brauche ich, um mich wieder sicher und handlungsfähig zu fühlen?“ Dazu können klare Informationen, verlässliche Absprachen, Zeit, Distanz oder professionelle Unterstützung gehören. Ob eine Beziehung fortgeführt wird, bleibt eine persönliche Entscheidung. Auch Verzeihen nach Untreue ist kein Automatismus und keine moralische Pflicht.
Wer starke seelische Belastungen, Angst oder Kontrollverlust erlebt, sollte sich an eine psychologische oder ärztliche Fachperson wenden. Dieser Beitrag bietet allgemeine Einordnung, aber keine individuelle Diagnose oder Therapieempfehlung.
Fazit: weniger Etiketten, mehr Klarheit
Die neue Forschung unterstützt die Annahme, dass Persönlichkeit, Beziehungserfahrungen und Untreue miteinander verknüpft sein können. Sie zeigt zugleich, wie vorsichtig solche Zusammenhänge interpretiert werden müssen. Narzisstische Merkmale sind nicht dasselbe wie eine Persönlichkeitsstörung, und keine Skala kann die Treue eines einzelnen Menschen zuverlässig vorhersagen.
Für Betroffene ist es meist hilfreicher, konkrete Grenzverletzungen zu benennen, Vereinbarungen zu klären und das eigene Sicherheitsgefühl ernst zu nehmen. Eine gute Beziehung braucht keine Ferndiagnosen – aber sie braucht Ehrlichkeit, Respekt und nachvollziehbares Verhalten.
Quellen und weiterführende Forschung
- Frontiers in Psychology (2026): Parenting styles, narcissistic traits and nonconsensual nonmonogamy – aktuelle Primärstudie.
- Journal of Family Psychology (2023): Narcissistic traits and attitudes toward infidelity – dyadische Untersuchung.
- Archives of Sexual Behavior (2014): Sexual narcissism and infidelity in early marriage – zwei Längsschnittstudien.
- NCBI Bookshelf: Narcissistic Personality Disorder – fachliche Abgrenzung von Merkmalen und Diagnose.
Titelbild: Andrik Langfield auf Unsplash. Alt-Text: Ein Paar hält sich vor einer isländischen Berg- und Seenlandschaft an den Händen und blickt in verschiedene Richtungen.